Kulturlauf am Eiskanal

Gut, das ist etwas übertrieben. Eisschollen trug der Dortmund-Ems-Kanal am Sonntag nicht. Es stand die lange Einheit der Woche an und da lockt immer der Weg nach Hiltrup zur Prinzenbrücke und zurück. Immer schön entlang des Kanals. Die letzten Male hatte ich bei den kilometerreichen Runden ein Hörbuch auf den Ohren und so habe ich auch diesmal das erzählte Wort genutzt. Es entspannt wirklich und man verfällt in einen lockeren Trab. Irgendwann höre ich auch nicht mehr auf das Meisterwerk und trotte vor mir hin, mache mir meine eigenen Gedanken. Dennoch wollte ich die geplanten 90 Minuten mit etwas Kultur anreichern und habe mir ein Werk von Tolstoi ausgesucht.

Die langen und verschachtelten Sätze, deren Reichtum an Details eine blühende und zugleich authentische Welt schaffen, lassen das Geschilderte als einen Bericht erscheinen, der schroffe Wahrheit und menschlichen Ausdruck … ach ich kann so was nicht. In jedem Falle dachte ich mir, etwas Kultur könne ja nicht schaden. Die letzten Male hatte ich Ken Follet auf den Ohren und seine bildreichen Ausschmückungen sexueller Phantasien sind nicht immer ganz dem Laufen förderlich. Wie dem auch sei. Die Schillerstraße raus geht es an den Kanal. Baustelle. Statt der Kanalpromenade muss ich durchs Gewerbegebiet laufen, rüber zur Feuerwache. Dort kann ich am Wasser weiter. Wieder durchs Industriegebiet und dann auf dem ebenen Weg nach Hiltrup.

Der Wind pfeift so kalt, dass ich bereits nach drei Kilometern überlege, umzukehren, um in der Badewanne meine Bahnen zu ziehen. Eine Art Alternativprogramm. Ich konzentriere mich auf Tolstoi. Irgendeine Schlacht wird vorbereitet und alle sind erfreut. Ist das kalt. Die Schilderungen Russlands fühlen sich bei den Temperaturen real an und fast wünsche ich mir, dass ich mich auch auf eine Schlacht freuen kann und mir durch die Aufregung und den bevorstehenden Adrenalinschub etwas wärmer wird. Ich passiere den Ballonplatz, überhole eine Gruppe Fußgänger und dann erscheint die Prinzenbrücke.

Mit absolutem Wissen, dass der kalte Wind einer dieser Rückenwinde ist, geht es auf die Brücke. Der Fußballen berührt den ersten Brückenabschnitt und mein Blick fällt auf das Schiff, dass den Kanal Richtung Ems entlangtuckert. Gewöhnlich schaffen diese Kähne 10km/h. Dieser hat einige hundert Meter Vorsprung und da ist noch der eisige Gegenwind. Ach egal. Tolstoi wird abgelöst von Moby und Bob Sinclair und mit den Bassmusikern verändert sich die Pace. Nach etwa zwei Kilometern bin ich auf Höhe der Kommandobrücke, einige Schritte weiter habe ich den Kutter überholt. YES!

Dann geht es erneut auf die andere Seite, über die Brücke der Umgehungsstraße und wieder an den Kanal. Der Wind pfeift eiskalt und im ungeschützten Scheitel der Brücke glaube ich mich dem Kältetod nah. Das Schiff kann weiter im Kanal davonziehen und ich muss mich wieder ran kämpfen. Bei der Feuerwache bin ich vorbei, laufe die Schleife zur Überführung hoch und schieße das Bild für den Post. Dann geht es gegen den Wind und durch die Kälte am Industriehafen zurück nach Hause.

Am Ende sind es 14 Kilometer in einer Durchschnittspace von 05:31 geworden. Zwar sind meine Hände abgefroren, dafür war es ein schöner Lauf. Mal sehen, vielleicht werde ich nächsten Sonntag erfahren, ob die Schlacht, von der Tolstoi berichtet, ebenso erfolgreich war wie meine Sonntagsrunde.